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Gluten und Kasein

Erkenntnisse aus der Heilung des Miles Seroussi durch eine Diät

Wie bereits im Beitrag “2 Erfolgsgeschichten” erwähnt, ist es schon um die 20 Jahre her, dass die US-Amerikanerin Karyn Seroussi der US-amerikanischen Zeitschrift „Parents Magazine“ einen Artikel mit der Überschrift: Wir heilten den Autismus unseres Sohnes veröffentlichte.

Wenn Sie die Übersetzung des Artikels aus dem Englischen lesen wollen, dann klicken Sie hier.

Wenn Sie der Artikel im Englischen Original lesen wollen, dann klicken Sie hier.

Was steckt dahinter, dass ein Kind die Anzeichen des Autismus nur durch die Einhaltung einer speziellen Diät wieder verlor? Zufall? Mit Sicherheit nicht, denn Miles war kein Einzelfall. Es gibt zahlreiche Berichte von Kindern, welchen Ähnliches passiert war.

Gluten ist das "Klebereiweiß" im Getreide. Es verleiht insbesondere dem Weizen seine guten Backeigenschaften, aber auch in Roggen, Gerste, Dinkel und Hafer ist es in modifizierter Form enthalten.

Kasein ist der wichtigste Eiweißbestandteil der Milch. Es ist in der Milch sämtlicher Säugetiere enthalten.

Eiweiße sind zusammengesetzt aus Peptidketten, die wiederum aus verschiedenen Aminosäuren bestehen. Die Aminosäuren sind für unseren Stoffwechsel das Rohmaterial zur Herstellung des Schilddrüsenhormons, verschiedener Neurotransmitter und anderer wichtiger Botenstoffe. Es gibt 22 verschiedene Aminosäuren in der Natur. Unser Körper ist in der Lage, einige davon selbst zu produzieren, die anderen müssen durch die Nahrung aufgenommen werden.

Wenn man durch die Nahrung Eiweiß aufnimmt, wird es durch den Verdauungsprozess in immer kleinere Teile zerlegt mit dem Ziel, am Ende einzelne Aminosäuren zur Verfügung zu haben. Diese werden durch die Darmwand in den Blutstrom aufgenommen, wo sie als Baumaterial für die körpereigenen Peptide (zu den oben genannten Zwecken) benötigt werden.

Durch eine poröse Darmwand oder einen gestörten Verdauungsprozess (d.h. die Eiweiße können nicht vollständig aufgespalten werden) können Peptide in die Blutbahn gelangen. Dort verbinden sie sich mit den Peptiden, die der Körper als Botenstoffe selbst hergestellt hat, und stören den natürlichen Ablauf.

Dieser kleine Grundkurs ist notwendig, um die Zusammenhänge besser verstehen zu können, die nicht ich, sondern namhafte Wissenschaftler herausgefunden haben.

Dr. Kalle Reichelt (Institute of Pediatric Research der Universität in Oslo) war einer der ersten, welcher im Urin von autistisch behinderten Kindern außergewöhnlich große Mengen von Peptiden mit Opioidaktivität fand. Tatsächlich sind Gliadorphin und Kasamorphin Peptide, die aus Gluten und Kasein abgespalten werden und Opiate enthalten, also Substanzen, wie sie auch in Opium oder Heroin zu finden sind.

Kalle Reichelt

Dr. Kalle Reichelt, 2001 bei der Eppelheim-Fachtagung

Folgt man diesem Befund, so liegt die Annahme nahe, dass das Gehirn dieser Kinder in der gleichen Weise beeinflusst wird, wie es halluzinierende Drogen tun. Genauer gesagt wird vermutet, dass diesen Kindern ein Enzym fehlt oder blockiert wird und damit nicht wirken kann, welches normalerweise diese Peptide in verdaubare Formen aufspaltet oder dass die Peptide in den Blutkreislauf gelangen, bevor sie verdaut werden können.

Bei autistisch behinderten Kindern kommen noch zwei Faktoren verschärfend hinzu. Wenn, wie bei vielen festgestellt, der Darm bereits geschädigt ist und eine erhöhte Darmdurchlässigkeit aufweist, dann ist es wahrscheinlich, dass diese Peptide die Darmschleimhaut durchqueren und so in den Blutkreislauf gelangen. Bei einem gesunden Darm würden sie einfach wieder ausgeschieden werden. Der zweite Faktor ist der, dass eine zweite innere Barriere bei autistisch behinderten Kindern offenbar nicht oder nur mangelhaft funktioniert: Wenn die Peptide die Blut-Hirn-Schranke passieren, dann ist zu erwarten, dass es zu massiven Störungen im Nervensystem kommt, ähnlich wie nach dem Konsum von Missbrauchsdrogen.

Dieser Vergleich ist absolut nicht abwegig: Wenn Sie sich die Mühe machen, um anhand von Broschüren, Büchern oder aus dem Internet zu erfahren, wie Missbrauchsdrogen wie Heroin, Kokain oder LSD (auf die Betroffenen) wirken, dass gibt es in der Tat verblüffende Ähnlichkeiten zu den Berichten von autistisch Behinderten, wie sie bestimmte Sinnesreize wahrnehmen. Und es gibt noch etwas: Opiate sind hochgradig suchterzeugend. Dies erklärt, warum oftmals bei autistisch behinderten Kindern massive Vorlieben für bestimme Speisen vorhanden sind.

Dr. William Shaw hat 2001 auf der Eppelheim-Fachtagung berichtet, dass seine Forschungen ergeben hätten, dass das Enzym DPP IV bei der Kasein- und Glutenunverträglichkeit eine ganz entscheidende Rolle spielt. Die schädlichen Morphine entstehen dann, wenn die Gluten- oder Kaseinproteine nur unvollständig aufgespaltet werden. Dafür notwendig sei das Enzym DPP IV, welches bei Menschen mit Autismus entweder blockiert oder nur unzureichend produziert wird.

William Shaw

Dr. William Shaw, 2001 bei der Eppelheim-Fachtagung

Es gibt zahlreiche solcher Geschichten, wo Kinder mit Autismus durch die Einhaltung der gluten- und kaseinfreien Diät eine vorher nicht für möglich gehaltene Entwicklung genommen haben. Aber trotzdem ist diese Diät immer noch sehr umstritten, sodass es nicht verwundert, dass die Wirksamkeit dieser Ernährungsform in Hinblick auf eine Verbesserung im Verhalten dieser Kinder nie korrekt untersucht wurde. Aus meiner Sicht hat dies folgende Gründe:

Erstens erfordert diese Diät einen größeren Aufwand, welcher sich zwar bei recht jungen Kindern bereits nach Wochen oder Monaten auszahlt, jedoch je älter der Betroffene ist, desto länger kann es dauern, bis die Veränderungen augenscheinlich sind.

Zweitens kommt hinzu, dass ohne entsprechende Erfahrung Diätfehler oftmals vorprogrammiert sind. Davor scheuen sich viele Eltern und suchen stattdessen nach Gründen, warum diese Diät doch nicht notwendig sei. Vielleicht helfen auch andere Maßnahmen. Warten wir mal ab, vielleicht gibt es irgendwann doch die Pille gegen Autismus.

Drittens wird die Störung noch von vielen Ärzten nicht richtig verstanden, sodass falsche Untersuchungen mit folglich falschen bzw. nicht zur Sache sprechenden Ergebnissen durchgeführt werden. Eine Untersuchung auf Lebensmittelallergien kann, aber muss nicht die Störung offenbaren. Das bedeutet, dass die Störung auch bei einem negativen Ergebnis sehr wohl präsent sein kann. Notwendig wären spezielle Untersuchungen des Urins, ob Kasa- und/oder Glidiamorphine ausgeschieden werden.

Auch wenn eine gluten- und kaseinfreie Ernährung vielen Betroffenen jeglichen Alters in einem Ausmaß, welches wir gar nicht beurteilen können, Erleichterung verschafft, so muss viertens bedacht werden, dass bei zunehmendem Alter die Schädigung des Darms als auch den Zentralen Nervensystems schon so fortgeschritten sein kann, dass das Entfernen von störenden Faktoren allein nicht mehr ausreicht. Nicht zuletzt hier gilt der bereits erwähnte Grundsatz, dass ein einziger Ansatz möglicherweise nur sehr bedingt wirken kann. Lesen Sie dazu mehr in den nächsten Beiträgen.

Nachdem diese Erkenntnisse gewonnen werden konnten, gab es eine vermeintlich gute Nachricht: Dieses Enzym kann als Präparat gekauft und oral zu sich genommen werden. Laut Beschreibung des Herstellers, der US-Firma Kirkman’s Lab wird DPP-IV (Dipeptidylpeptidase IV) als ein Protein beschrieben, das eine primäre Funktion beim Abbau von Casein und eine Seitenkettenaktivität beim Abbau von Gluten hat. DPP-IV Forte TM arbeitet in einer einzigartigen Weise, um prolin-enthaltende Peptide, wie z.B. Casomorphin, Gluteomorphin und Gliadomorphin spezifisch zu spalten. Das DPP-IV-Enzym unterstützt die Verdauung dieser Peptide, die im Allgemeinen resistent gegen den vollständigen Abbau durch andere Enzyme sind. Das Präparat ist auch in Europa erhältlich.

Ich betone ausdrücklich, dass ich bezüglich der Wirkungsweise dieses Präparats aus der Website des Herstellers zitiert habe, ich den Wahrheitsgehalt nicht überprüfen kann und deshalb dieser Hinweis ausdrücklich kein Heilversprechen darstellt. Auch bekomme ich keinerlei finanziellen noch sonstige Zuwendungen, wenn ich dieses Präparat hier erwähnte. Der einzige Grund, warum ich dieses erwähne, ist einzig und allein der, dass ich es für sehr wahrscheinlich halte, dass dieses Präparat denjenigen gut tun könnte, die keine gluten- und kaseinfreie Diät einhalten können, aus welchen Gründen auch immer. Und wenn es nur ein Betroffener wäre, dem ich damit geholfen haben könnte, dass der Terror seiner Sinne etwas gelindert worden wäre, dann war es das wert.

Doch jetzt zur schlechten Nachricht: Dr. William Shaw führte auf der Eppelheim-Tagung im September 2001 auch aus, dass Stoffwechselprodukte der Hefe Candida albicans das Enzym DPP IV blockieren würden. Wenn Ihr Kind eine starke Belastung mit diesen Hefen hat, dann kann möglicherweise die Enzymtherapie mit DPP-IV wirkungslos sein, weshalb es weiterer Maßnahmen zur Gesundung des Darms bedarf.