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Wenn die Sinne rebellieren ...

Das Gehör - Verarbeitung von akustischen Reizen

Bei dem Versuch, die Störungen in der Verarbeitung von Sinnesreizen zu beschreiben, unter der autistisch behinderte Menschen leben, ist es egal, mit welchem Sinn man anfängt, aber die Verarbeitung von akustischen Reizen scheint für das Verständnis am besten geeignet zu sein. Ich beginne mit Zitaten von Darren White (Autism From The Inside, Medical Hypothesis, 1987):

„Ich war kaum in der Lage, ganze Sätze zu verstehen, weil mein Gehör sie verzerrte. [...] Manchmal, wenn Kinder mit mir sprachen, konnte ich sie verstehen und andere Male klangen sie wie Schüsse [...] Ich fürchtete mich vor dem Staubsauger und dem Mixgerät, weil sie ungefähr fünfmal so laut klangen, als sie wirklich waren."

Es ist zu vermuten, dass die meisten Kinder mit Autismus massiv überempfindlich sind, was das Gehör betrifft. Jedem, der Umgang mit ihnen hat, sollte das bewusst sein. Dies gilt insbesondere für Eltern und Professionelle. Ich ertappe mich jedoch auch immer wieder, dass ich das immer wieder vergesse. Es wird mir erst dann wieder in das Bewusstsein gerückt, wenn mein Sohn einfach nicht reagiert oder paradoxe Reaktionen zeigt.

Das Verständnis für die Wahrnehmung von akustischen Reizen bei autistisch behinderten Menschen hat für mich eine Schlüsselrolle im Verständnis ihrer Verhaltensweisen eingenommen. Dies mag vielleicht auch daran gelegen haben, weil es mein Schlüsselerlebnis als Vater eines autistisch behinderten Jungen gewesen war, welches ich vor vielen Jahren gerade mit dem von mir beschriebenen Dr. Carl H. Delacato gehabt hatte.

Zu diesem Zeitpunkt war mit meinem Sohn rein gar nichts mehr anzufangen. Immerhin besuchte er den Kindergarten einer Schule für praktisch Bildbare oder, wie man früher dazu sagte, für geistig Behinderte. Ich erinnere mich noch an den ersten Elternabend, als uns die Erzieherinnen voller Stolz erzählten, welche Aufgaben das einzelne Kind zwischenzeitlich übernehmen konnte. Es waren einfachste Aufgaben, was sich von selbst versteht. Und als ich dann nachfragte, welche Aufgaben mein Sohn erledigen könne, das erhielt ich, nach einem leichten Zögern und Nachdenken seitens der Erzieherin, die deprimierende Antwort: „Gar nichts, der liegt nur in der Ecke!“

Aber leider stimmte das, was sie sagte. Mit ihm war rein gar nichts anzufangen. Er reagierte auf nichts und man musste schon froh sein, dass er keinen Unsinn anstellte. Und dann wurde meiner Frau das Buch von Delacato empfohlen und sie erfuhr weiter, dass er dreimal im Jahr nach Deutschland kommen würde. Ehrlich gesagt, ich hatte genug von Ärzten, egal welchen Ruf sie auch behabt hatten. Mein Frust, dass mit meinem Kind rein gar nichts anzufangen sei, war sowieso schon groß genug. Ich wollte diesen Arzt eigentlich nicht kennen lernen, aber das hätte zum Zerwürfnis mit meiner Frau geführt. Also meldeten wir uns an und fuhren nach Alfter, einer Stadt in der Nähe von Bonn. Frau Waltraud Hunze, Sonderschulrektorin der dortigen Schule und Autorin eines mir bekannten Aufsatzes über das Wirken von Delacato, hatte ihm die Möglichkeit gegeben, dort dreimal im Jahr Patienten aus ganz Deutschland empfangen zu dürfen. Als wir dort ankamen, herrschte Massenbetrieb.

Nach Erledigung der Formalitäten wurden wir gefragt, ob wir einen Dolmetscher brauchen würden. Ich sagte ja, denn ich traute mir zwar Konversation in Englisch zu, aber beim Gespräch mit einem Arzt (für den hielt ich damals Dr. Delacato) wollte ich doch eine möglichst genaue Übersetzung. Wir wurden in einen Raum gebeten und dort warteten wir. Unser Sohn hatte sich in die, von der Tür aus gesehen, äußerste Ecke des Raums gelegt. Immerhin war er still. Und dann ging die Tür auf und ein eher kleiner Mann, welchen ich auf den ersten Blick für einen Mexikaner gehalten hätte, kam herein. Während sich meine Gedanken nur darum drehten „Wo bleibt denn der Dolmetscher“, begrüßte er uns kurz („Hy Mummy, hy Daddy“) und ging langsam zu unserem, immer noch am Boden liegenden Sohn. Dieser nahm keine Notiz von ihm und ich wollte schon sagen, dass er sich gar nicht um ihn bemühen solle, weil er darauf nicht reagieren würde. Delacto beugte sich über ihn und kurze Zeit später richtete sich mein Sohn auf und streckte sein Hand nach ihm aus. Ich traute meinen Augen nicht, was ich da sah, aber in diesem Moment wusste ich: „Der Mann hat Ahnung!“

Was war geschehen? Die Antwort ist so einfach, dass man gar nicht darauf kommt. Er hat ganz leise geflüstert und ihn damit angesprochen. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie überempfindlich mein Sohn bezüglich von Geräuschen war. Man hat Jahre später festgestellt, dass er Töne hört, die ein Gesunder nicht hört (bzw. welche durch das Gehirn ausgefiltert werden) und dass seine Schmerzgrenze dort beginnt, wo wir noch ein ganz normales Gespräch führen, nämlich bei 50 Dezibel.

Erst, als ich mir darüber mehr Gedanken gemacht habe und im Laufe meiner aktiven Zeit in der Autismus-Selbsthilfe viel recherchiert habe, wurde mir klar, dass Kinder wie mein Sohn Geräusche wahrnehmen, die mit einem normalen Gehör nicht mehr aufgenommen werden können. Sie hören für uns nicht existierende Geräusche wie beispielsweise die von Glühbirnen, elektrischen Leitungen, Wasserrohren und Fernsehapparaten. Da sie normale Umweltgeräusche häufig als unangenehm empfinden, halten sie sich oft die Ohren zu oder laufen weg.

Oftmals schalten diese Kinder als Reaktion auch einfach ab. Sie erwecken dann oft den Eindruck, als seien sie taub. Oder sie zeigen ganz einfach paradoxe Reaktionen: Sie machen selbst großen Lärm oder sie bevorzugen laute Musik. Wer kommt denn da auf den Gedanken, dass der Betroffene überempfindlich in der Wahrnehmung von akustischen Reizen sei, wenn er laute Musik liebt. Gerade laute Musik, so hat mir mein Sohn später mehrfach schriftlich mitgeteilt, sei das beste Mittel, diese unangenehmen Reize zu übertönen. Und wenn keine Musik verfügbar ist, dann macht er selbst laute Geräusche, weil dies einfach angenehmer ist als die Geräusche, die er nicht steuern und nicht kontrollieren kann.

Von manchen Eltern, mit denen ich gesprochen habe, konnte ich erfahren, dass ihr Kind schlecht einschläft oder nachts oft wach wird. Das kann viele Ursachen haben, aber die meisten sind im Bereich der akustischen Wahrnehmung zu suchen. Der Wind kann Geräusche machen, das Hupen oder der Motorlärm von Autos, die wir gar nicht hören. Seit mein zwischenzeitlich erwachsener Sohn die ganze Nacht über sein Radio an hat, sind diese Probleme offenbar keine mehr.

Und ich wiederhole es nochmals, weil es wichtig ist: Unter den geräuschüberempfindlichen Kindern finden wir nicht wenige mit der Diagnose "hochgradig schwerhörig". Die Qual der Kinder, die daraufhin ein Hörgerät bekamen, kann man sich kaum vorstellen. Die zuvor beschriebenen Auffälligkeiten wie Rückzugstendenzen oder extrem unruhiges Verhalten verstärkten sich in solchen Fällen.

Ich zitiere nach Donna Williams eine zweite Autistin, die US-Amerikanerin Temple Grandin, auf welche ich in Bezug auf den Tastsinn noch näher eingehen werde. In ihrem Buch „Thinking in Pictures“ (bei Amazon noch zu haben, allerdings nur in Englisch) schreibt sie hierzu:

„Ich habe gehört, als trüge ich ein Hörgerät, das auf die höchste Lautstärke eingestellt ist. Meine Ohren sind wie ein Mikrofon, das jedes Geräusch aufnimmt. Dieser Effekt verändert sich jedoch mit den Frequenzen der verschiedenen Töne."

Im weiteren Verlauf beschreibt sie, dass es für sie unmöglich sei, in einer Hotelhalle ein Telefongespräch zu führen. Wenn sie versuche, die Nebengeräusche auszublenden, dann würde sie auch ihren Partner am anderen Ende der Leitung nicht mehr hören. Will sie aber das Telefongespräch verstehen, dann seien auch die Nebengeräusche ungefiltert da.

Wir entnehmen daraus, dass ‚laut’ nicht gleich ‚laut’ ist, sondern dass es auch auf die Frequenzen des Tons ankommen kann, wie intensiv er wahrgenommen wird. Und dass es auf die Umgebung ankommt, auf welche wir als Gesunde weniger Augenmerk legen. Wir können uns trotzdem noch in einer Bahnhofshalle unterhalten, weil wir die Nebengeräusche ausblenden können. Spreche ich also mit einem autistisch Behinderter leise in ruhiger Umgebung, ist die Chance wesentlich größer, dass er mich versteht, als wenn ich in der gleichen Lautstärke dies im Kaufhaus oder Supermarkt mache. Auch darauf sollten wir achten.

Es gibt aber noch zwei Phänome, welche ich erwähnen muss und dabei muss ich erneut Donna Williams zitieren. Es ist dies zum einen das Problem, dass die Verarbeitung der Reize, auch wenn sie adäquat aufgenommen werden können, auch wesentlich verzögert sein können und zum anderen, dass die Verarbeitung von Reizen aus verschiedenen Kanälen weitere Probleme bereiten kann. Was das Problem der verzögerten Wahrnehmung betrifft, so erklärte Donna Williams das in einer vor Jahren ausgestrahlten SPIEGEL TV-special-Reportage wie folgt:

„Eben sind Sie zum Beispiel aufgestanden und haben zu ihm gesagt: "Willst Du, dass ich das Fenster schließe?" Ich habe jeden Ton gehört und ich habe jedes Wort gehört. Und hier drin ist auch die Bedeutung jedes einzelnen Wortes gespeichert. Aber in dem Moment, wo sie es aussprechen, sind es für mich nur irgendwelche Geräusche, bis Sie dann tatsächlich das Fenster geschlossen haben, was ungefähr ... (Donna beginnt still zu zählen) ... ungewährt sieben Sekunden, nachdem sie es gesagt haben, habe ich erst die Worte verarbeitet. Man muss sich vorstellen, dass man meist nicht nur einen Satz sagt wie "Möchtest Du, dass ich das Fenster schließe?", Sie sagen normalerweise: "Möchtest Du, dass ich das Fenster schließe oder soll ich dieses oder jenes tun und dann gehen wir in den Park und und und. Wenn ich also sieben Sekunden hinter jedem Satz bin, höre ich, wenn ich beim fünften Satz ankomme, nur noch: Lololololo“.

Und was das zweite Phänomen betrifft, nämlich dass die Verarbeitung von akustischen Reizen nicht nur von der Akustik selbst, sondern auch von anderen Reizen abhängig sein kann, beschreibt sie so:

„Das Problem besteht aber in der Kombination von zu vielen dieser Dinge auf einmal. Also habe ich kein Problem mit der Tapete oder mit dem laufenden Fernseher. Ich habe nicht einmal ein Problem mit Jemanden, der bla-bla-bla redet. Aber wenn ich die Muster auf der Tapete sehe, dabei der Fernseher läuft und gleichzeitig ein Anderer blablabla redet und wieder ein Anderer einen Regenmantel trägt, der krr-krr-krr macht, während er durch den Raum geht und dann hat man noch Gedanken und Gefühle zur selben Zeit, dann erst hat man ein Problem mit den Dingen.“

Was die Therapiemöglichkeiten betrifft, so sind diese beschränkt. Doch auch ohne diese gibt es gerade für Eltern viele Möglichkeiten, es dem Kind einfacher zu machen, indem man zu Beispiel das Kind, wenn möglich, Massenansammlungen in Kaufhäusern und Supermärkten fern hält oder solche Orte dann besucht, wenn das Aufkommen geringer ist.

Man kann darauf achten, dass das Kind nicht durch laute Geräusche erschreckt wird. Falls es nicht möglich ist, den Schlafraum in einen ruhigen Teil des Hauses zu verlegen, so kann man als Geräuschkulisse während der Schlafenszeit leise Musik spielen lassen. Geräusche, die das Kind sonst aufwecken würden, werden dadurch überdeckt.

Besonders bewährt haben sich auch spezielle Ohrstöpsel, weil sie die von außen kommenden Gehöreindrücke vermindern. (Schaumstoffstöpsel, kein Oropax, das zu wenige Geräusche durchlässt). Bei gleichzeitiger taktiler Überempfindlichkeit vielleicht erst mit Watte im Ohr anfangen. Kein Transport im Schulbus, wenn das Kind dadurch überfordert ist und aggressiv reagiert. Flüstern Sie mit dem Kind, sprechen sie leise in sein Ohr, da hörüberempfindliche Kinder häufig abschalten und somit keine Sprache aufnehmen und damit auch nicht wiedergeben.

Geräuschüberempfindliche Kinder haben auch oft Probleme mit dem Gleichgewicht. Eine wirksame Übung ist das langsame Hin- und Herrollen des auf dem Boden liegenden Kindes oder das Hin- und Herdrehen des auf dem Drehstuhl sitzenden Kindes. Das Drehen muss durch eine andere Person erfolgen.

Zu der Überempfindlichkeit kommt häufig das von Delacato beschriebene weiße Rauschen. Die Kinder lauschen auf ihren Herzschlag und/oder ihre Verdauungsgeräusche, sie hyper-ventilieren und lauschen hingebungsvoll auf das Atemgeräusch. Sie schaukeln oft mit ihrem Kopf und wenn sie das Schaukeln abbrechen, scheinen sie auf den Unterschied der Geräusche in ihrem Kopf zu lauschen. Viele dieser Kinder summen oft vor sich hin und manche haben ohne ersichtlichen Grund intensive Schreianfälle. Auch hier können Geräusche von außen, die kontrollierbar sind, insbesondere Musik, wahre Wunder wirken.

Es gäbe hier noch viel zu sagen, aber dies würde den Rahmen sprengen. Wenn Sie gezielt im Web danach suchen, dann werden Sie etliche Berichte von Asperger-Autisten finden, die ähnliche Phänomene beschreiben. „Wenn es regnet“, so schreibt ein Mann mit Asperger-Autismus, so sei dies für ihn eine Wohltat, weil er aufgrund der gleichbleibenden Geräusche ruhiger werde, da störende Wahrnehmungen in den Hintergrund treten würden. Der gleiche Mann beschreibt, dass er nicht nur seinen Herzschlag, sondern auch das Pulsieren des Bluts in seinen Adern intensiv wahrgenehmen würde.