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Autismus von außen betrachtet

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Autismus von außen betrachtet

Dr. Carl H. Delacato – der erste, der ins Innere blickte


Bereits im Jahr 1974 veröffentliche Dr. Carl H. Delacato (USA) in dem Buch „The Ultimate Stranger. The Autistic Child“ (1975 in Deutsch: „Der unheimliche Fremdling - das autistische Kind“, Theorien über Entstehung und Ursachen des Frühkindlichen Autismus ,als gebrauchte Ausgabe in Deutsch noch erhältlich). Er behauptet darin, dass das seltsame Verhalten autistisch behinderter Kinder (zum Beispiel die immer wiederkehrenden gleichen Bewegungen und Handlungen, auch Stereotypien genannt) ihre Ursache darin haben, dass die Wahrnehmung bzw. die Wahrnehmungsverarbeitung bei autistischen Kindern massiv gestört sei. Und er entwickelt auch eine Theorie, WIE die Störung der Verarbeitung sich darstellen können und unterscheidet dabei drei Arten der Störungen, wobei Kombinationen nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich sind:

  1. hyper: Ein überempfindliches Sinnessystem vermittelt dem Gehirn zu viele Sinneseindrücke, die dann nicht mehr normal bewältigt werden können.

  2. hypo: Ein unterempfindliches Sinnessystem vermittelt dem Gehirn zu wenige Sinneseindrücke. Das Gehirn leidet also unter Reizmangel.

  3. Weißes Geräusch oder weißes Rauschen: Körpereigene Wahrnehmungen (das Schlagen des Herzens zum Beispiel) werden nicht mehr ausgefiltert und daher ständig oder in gewissen Situationen über einen längeren Zeitraum wahrgenommen, wodurch Wahrnehmungen aus der Außenwelt entstellt oder sogar vollkommen überdeckt werden können.

Damit sie nachvollziehen können, wie ausgerechnet dieser Mann diese Theorien entwickeln konnte, halte ich es für sinnvoll, etwas auf die Biographie dieses Mannes einzugehen. Dr. Carl H. Delacato war kein Arzt, sondern Psychologe und Pädagoge. Nachdem er etliche Jahre praktiziert hatte, trat er in den 1950er Jahren in Philadelphia (USA) einer Arbeitsgruppe bei, die sich mit der Rehabilitation hirnverletzter Kinder beschäftigte. Mit in der Arbeitsgruppe waren namhafte Fachleute bzw. Wissenschaftler verschiedener Disziplinen. Aufgabe und Ziel der Arbeitsgruppe war es, die Funktion des Nervensystems näher zu erforschen, um zu verstehen, warum es bei entsprechend behinderten Menschen zu Störungen kommen und was man dagegen machen kann.

Zusammen mit dem Physiotherapeuten Glenn Doman entwickelte er zunächst eine Theorie, in welchen Phasen sich das Gehirn eines Kindes vom Säuglingsalter an entwickelt, welche als das „Konzept der Neurologischen Organisation“ bekannt wurde. Danach gibt es 5 Phasen, die nacheinander hierarchisch durchlaufen werden (müssen) und die für die Entwicklung des kindlichen Gehirns von großer Bedeutung sind, nämlich Bewegungen ohne Mobilität (1), Kriechen (2), Krabbeln (3), aufrechter Gang (4) und zum Abschluss dann die Ausprägung der Hirnhälftendominanz. Das erklärt zunächst in keinster Weise die Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen, unter welchen autistisch behinderte Menschen zu leiden haben, aber die Theorie war Grundlage der daraus einwickelten Behandlungsansätze.

War es schon schwierig genug, die komplexen Vorgänge des Nervensystems richtig zu verstehen, vor allem dann, wenn diese auf unerklärliche Art und Weise gestört waren, was sich im Verhalten der Betroffenen zeigte, so mussten daraus auch Schlussfolgerungen getroffen bzw. Therapieansätze gewonnen werden. Nun ist bekanntlich Theorie das eine und die Praxis das andere. Basierend auf der entwickelten Theorie der Neurologischen Organisation wurden dann erste Behandlungsmethoden entwickelt. Dabei lag es in der Natur der Sache, dass solche Therapieansätze oder Behandlungsmethoden auf dem bekannten Prinzip von „Trial & Error“ (Versuch und Irrtum) entwickelt werden mussten, weil es keine anderen Möglichkeiten gab.

Ich erwähne dies deshalb, das zunächst entwickelte Doman-Delacato Konzept (oder auch Doman-Delacato-Methode genannt) nicht frei von Kritik ist und Sie möglicherweise, wenn Sie im Internet über Suchmaschinen nach Delacato suchen, auf dieses Konzept als auch die Kritiken daran stoßen werden. Die Schwerpunkte lagen nämlich zunächst auf den Bereichen der Lern-, Lese- und Sprachstörungen, doch Delacato wandte sich dann mehr und mehr Kinder mit Verhaltensproblemen zu. Da gerade autistisch behinderte Kinder die schwierigsten Verhaltensstörungen zeigten, gewannen diese mehr und mehr sein Interesse und damit leitete er auf diesem Gebiet eine neue Ära ein, auch wenn hier und da eine gewisse Zeit brauchte, bis seine Theorien nach und nach in de Köpfen der Fachwelt angekommen waren.

Delacato hatte bei blinden Kindern beobachtet, dass diese ähnliche Verhaltensmuster wie Kopfschaukeln, Augenbohren oder unaufhörliches Drehen eines Gegenstandes vor dem Gesicht zeigten. Taube Kinder hingegen schlugen rhythmisch an Gegenstände und erzeugten gleichmäßige Laute mit der Stimme. Genau diese Ähnlichkeiten bezüglich von unerklärlichen Verhaltensweisen, wie sie auch autistisch behinderte Kinder zeigten, waren vermutlich der Schlüssel zu seinen Annahmen. Bei blinden bzw. bei tauben Kindern wusste er, dass die keine optischen bzw. akustischen Reize bekamen, weil die Sinnesorgane keine Reize lieferten. Die waren aber autistisch behinderten Kindern nicht gestört. Wenn sie aber vergleichbare Verhaltensmuster zeigten, so musste es an der Wahrnehmung liegen. Da diese es aber keine Anhaltspunkte dafür gab, dass die Wahrnehmung (also die Aufnahme von Reizen aus der Außenwelt durch die Sinnesorgane) bei autistisch behinderten Kindern beeinträchtigt war, so musste es an der Verarbeitung liegen. Dafür gab es zwei Alternativen: Entweder ist das Gehirn so beschädigt, dass es die Reize nicht verarbeitet oder die Reize kommen dort nicht oder nicht richtig an.

Je mehr sich Delacato damit beschäftigte, desto mehr verstärkte sich seine Annahme, dass die Wahrnehmung von autistischen Menschen gestört sein müsse. Zeugnisse von Betroffenen haben in der Folgezeit gezeigt, dass Delacato richtig gelegen hat.

Delacato sah während seiner Arbeit auch viele Kinder, die nachweislich hirnverletzt waren, wo es also für die Verletzung einen neurologischen Beweis gab. Gewisse Verhaltensmuster galten in der Fachwelt als „spezifische“ Zeichen des Autismus wie zum Beispiel Gleicherhaltungstendenzen (Veränderungen werden abgelehnt bzw. es erfolgt darauf eine negative Reaktion), Hyperaktivität, Zehengang und vor allem die Stereotypien (lang anhaltende, immer wieder bzw. ständig ausgeführte Handlungen und/oder Bewegungen). Aber so spezifisch waren diese offenbar gar nicht, denn auch bei hirnverletzten Kindern konnte er die gleichen Verhaltsmuster beobachten.

Delacato kam dann zu der These, dass ein autistisches Kind ebenfalls an einer sensorischen Störung leidet und sein eigenartiges Verhalten einen Versuch darstellt, sich selbst zu helfen. Damit hatte er keinen plausiblen Erklärungsansatz für die bis dato unerklärlichen Verhaltensmuster genannt, die dazu führen, dass ein Kind als autistisch behindert diagnostiziert wird. Dass Reize als zu stark oder als zu schwach empfunden werden, das mag noch nachvollziehbar sein, aber können damit alle „autismus-typische“ Verhaltensweisen eine Erklärung finden? Es fällt auf, dass autistisch behinderte Kinder sehr ausdauernd Stereotypien (zum Beispiel Wasser schöpfen oder Sand rieseln lassen) ausführen können. Sie zeigen objektiv unbegründete Angstzustände oder Wutausbrüche aber auch scheinbar unmotiviertes Lachen. Vieles wird verständlicher, wenn man Delacatos Theorie von der 3. Art der Störung in Betracht zieht, nämlich die der unaufhörlichen Wahrnehmung von körperinneren Geräuschen, welche er als „weißes Rauschen“ oder „weißes Geräusch“ (Original: White Noise) bezeichnet hat.

Wer das nicht abschalten kann, erlebt den Terror der Sinne oder das Chaos im Gehirn. Doch irgendwie muss man sich doch dagegen schützen können. Bei der Wahrnehmung von Reizen, die man selbst steuern und/oder kontrollieren kann, welche man also als angenehm empfindet, treten diese unangenehmen Reize in den Hintergrund. So sind paradoxe Reaktionen erklärbar, dass zum Beispiel ein Kind, welches die Umwelt viel zu laut wahrnimmt, selbst laute Geräusche von sich gibt oder laute Lärmquellen (zum Beispiel Musik) sucht.

Dass Delacato die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat, belegten nach und nach Aussagen von autistisch behinderten Menschen, die über ihre Wahrnehmungen sich äußerten. Dabei waren es zuerst Menschen aus der Gruppe derer, die viel weniger auffallen, nämlich die der Asperger Autisten. Die Gruppe der nicht-sprechenden Kanner-Autisten hielt man sowieso lange Zeit für schwer geistig behindert und mangels Sprache blieben sie ungehört, bis Mitte der 1990er Jahre ihnen FC (die Methode der Gestützten Kommunikation) eine Möglichkeit bot, sich endlich mitteilen zu können.

Die nachfolgend erwähnten Beispiele sind als eine Art Checkliste gedacht, anhand derer Eltern ihre Kinder beobachten und dann feststellen können, was bei ihrem Kind zutreffen könnte und was nicht. Sicherlich ist die Materie noch viel komplizierter, als wie man sie hier beschreiben kann. Den Anspruch, die Störungen bis ins Detail zu beschreiben, wird niemand erheben können. Aber auch schon kleine Schritte in die richtige Richtung können große Erfolge bedeuten, können dem Kind Erleichterung verschaffen oder können ihm helfen, sich weiter zu entwickeln.

Wir können anhand der Beispiele häufig die einzelnen Sinne nur separat betrachten. Was zum Beispiel das Zusammenwirken von mehreren Sinnen betrifft, so berichten Betroffene, dass sie sich nur auf einen oder zwei Sinneskanäle gleichzeitig konzentrieren können. Die anderen bleiben so lange "abgeschaltet". Delacato vergleicht dies sehr anschaulich mit einer achtspurigen Autobahn mit dichtem Verkehr. Wie schnell kann es hier auch zu Staus kommen. In der Zeitschrift DER SPIEGEL, Ausgabe 45/1975 erschien darüber der Artikel mit der Überschrift „Achtspurig ins Gehirn“, der – Stand Juli 2018 – noch auf der Website des Magazins abrufbar ist.

Doch auch was die Umsetzung von Wahrnehmung in entsprechende Handlungsmuster betrifft, kommen noch andere Faktoren hinzu. Trotzdem haben wir schon damals als Redaktion WIR ELTERN, als wir auf unserer Website darüber die ersten Artikel veröffentlichten, die Ansicht vertreten, dass selbst eine vereinfacht dargestellte Beschreibung von möglichen Sinnesstörungen Eltern mehr helfen kann, ihr Kind verstehen zu lernen als die pauschale Diagnose "Autismus" und dass dies deshalb „halt so ist wie es ist“.

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